125-jähriges Bestehen des Katholischen Lesevereins

Anlässlich der Feierlichkeiten zum 125-jährigen Bestehen des Katholischen Lesevereins hielt 
Prof. Dr. Paul Mikat
die Festansprache, die im Folgenden wiedergegeben wird. 

Religion und Politik das Spannungsverhältnis

Religion und Politik markieren zwei in sich eigenständige, spezifisch strukturierte Wirklichkeitsbereiche. Während es politische Herrschaft primär mit den Wirklichkeitsdimensionen der Macht zu tun hat, und Politik als die Kunst der Sicherung und Gestaltung der für das Wohl und Gedeihen eines Gemeinwesens notwendigen Konzentrationsform eben von Macht begriffen werden muss, betrifft die Dimension der Religion den die menschliche Existenz unbedingt angehenden, tragenden und in die Pflicht nehmenden Sinngrund ihrer selbst: Ihr Gegenstand ist das Heilige. Andererseits gilt jedoch auch, wiewohl Politik und Religion ihrem politischen Gegenstand nach zwei sehr heterogene und in sich autonome Bereiche darstellen, dass sie von ihrem jeweiligen Zielgruppenverständnis doch in die Dimension der Geschichte hineinwirkt, sich auf die gesamte menschliche Existenz wie auf den Kontex ihrer Lebensbezüge bezieht und sich, einmal vom Menschen ergriffen, im Vollzug seines sittlichen Anspruchs auf dem Felde der Geschichte bewähren muss. 

Entsprechendes gilt für politische Herrschaft, wie sehr diese sich auch auf die Verwaltung und Gestaltung von Macht konzentrieren muss. Ihre Funktionsabläufe in den sozialen Gebilden sind, sofern sie sich der Communis verpflichtet weiß, immer schon auf den Menschen und die Gemeinschaft bezogene Wertorientierungen, und das heißt, in den ethischen Anspruch mit einbezogen. In dem vom Ethischen getragenen Bemühen um das Wohl der Menschen eröffnet sich das Begegnungsfeld von Religion und Politik. Hierin sollen nun im Folgenden einige, speziell auf das Neue Testament bezogene, Gesichtspunkte und Fragen vorgetragen werden. 

Vom christlichen Verständnis her nach dem Verhältnis von Politik und Religion zu fragen, kann immer nur heißen, nach der neutestamentlichen Sicht des Politischen fragen, die dem Christen bleibend vorgegeben ist als Wort Gottes, dem er sich in wechselnden, geschichtlichen Situationen stets neu zu stellen und dem er sich zu unterstellen hat. Für die neutestamentliche Sicht des Politischen ist davon auszugehen, dass das neue Testament nicht einmal im Ansatz eine Lehre des Politischen, eine Verordnung des Staates, eine Staatslehre oder eine Staatsphilosophie aufweist. Wohl lassen sich anhand ethisch situationsbedingter Aussagen zur politischen Herrschaft nun einige grundlegende Markierungen für das Verhältnis von Politik und Religion ausmachen, die als solche, auch vom heutigen geschichtlichen Standort aus betrachtet, ein erhellendes Licht auf die Zuordnung unserer beiden Bereiche, vor allem aber auf das Verhalten des Christen gegenüber dem Politischen, werfen. Zentrales Thema des Neuen Testamentes und gleichsam sein archimedischer Punkt ist die Botschaft von der durch Jesus Christus proklamierten, in seinem Wirken, Leiden und seiner Auferstehung angebrochenen und bestätigten und am Ende der Geschichte sich machtvoll vollziehenden Königsherrschaft Gottes. Auf diesem Hintergrund kann es denn keine Form politischer Herrschaft geben, die legitim mit einem absoluten Anspruch aufzutreten vermöchte; sie ist immer nur abgeleitete, relative, vorläufige Größe. Im Bereich des Politischen haben wir es also mit einem Bereich des Vorläufigen, des Relativen, des nicht Letzten, des nicht aufs Heil ausgerichteten Feld zu tun. Bei Röm. 13,1 heißt es lapidar: „Es gibt keine Gewalt außer von Gott, die es aber gibt, ist von Gott angeordnet.“ 

Sehen wir von den üblichen katholischen naturrechtlichen Begründungen dieser Stelle ab, die einfach nicht tragen, weil unsere Art vom Naturrecht dem Apostel Paulus völlig fremd war. Er spricht nur einmal, wenn Sie so wollen, in begrifflicher Schärfe vom Recht der Natur, nämlich im Korintherbrief, wo er den Frauen eine ganz bestimmte Haartracht verbietet. Niemand wird behaupten, er habe damit etwas außergeschichtlich, ein für alle Zeiten Gültiges anordnen wollen. Nein, hier erfolgt gar keine Wesensbestimmung. Weil es Herrschaft gibt, ist sie zugelassen, ist sie von Gott möglich gemacht worden. Das bedeutet nun einerseits, dass der Christ im Konfliktfall, so, wenn ihm etwa die Verkündigung von Christus dem Auferstandenen untersagt, oder wenn ihm die Apotheose des Cäsars, als des Politischen, abverlangt wird, ganz schlicht Gott mehr gehorchen muss als dem Menschen. Wie es die berühmte Konfliktpotentialität religiöser Interessen in der Apostelgeschichte 5,29 markiert, das ist eigentlich der Schlüsselsatz für das Verhältnis von Religion und Politik schon in der Antike gewesen. Hier zitiert der Verfasser der Apostelgeschichte, Lukas, in 5,29 einen Satz aus der Apologierede des Platon: „Gehorchen werde ich dem Gotte mehr als euch“. Bei Lukas, Apostelgeschichte 5,29, heißt es: „Man muss Gott mehr gehorchen als dem Menschen;“ gewissermaßen die große Thematisierung des Konfliktes von Religion und Politik. Als eine von Gott abgeleitete, innerweltliche relative Größe findet politische Macht an Gottes Herrschaft und an seinem Willen ihre jeweils konkrete, absolute Grenze. Das Neue Testament weiß um das hierin gelegene, außerordentliche Konfliktpotential, das in der Konfrontation, sei es mit der jüdischen Obrigkeit, sei es mit dem römischen Imperium, leidvoll manifestiert werden musste. Das Kreuz Christi ist das Symbol auch für das Verhältnis von Politik und Religion, insoweit es das Symbol der Konfliktpotentialität religiöser Interessen in dieser Welt ist. Christliche Loyalität gegenüber politischer Herrschaft muss in Widerstand durch Zeugnisablegung umschlagen, wenn diese für sich in Anspruch nimmt, was Gottes ist, und sich somit in Vergöttlichung ihrer selbst die Totalität eines umfassenden Anspruchs anmaßt, eine reale Möglichkeit, die in der Geschichte stets eintraf und auch weiterhin eintreffen muss, wenn totalitäre Systeme und Ideologien den Menschen in seiner Existenz total für sich zu vereinnahmen streben. 

Auf der anderen Seite ist mit all dem gerade nicht eine prinzipielle Feindschaft des Christen gegenüber der politischen Macht und ihren Institutionen angesprochen, denn die stammt von Gott, sie ist von ihm angeordnet; Röm. 13,1. Im Blick auf Gott muss der Christ – soweit es ihm als Christ möglich ist – den übergeordneten Gewalten gehorchen, er muss, nach einem Worte Jesu, dem Kaiser geben, was des Kaisers ist. Nun wollen wir just dieses viel zitierte, auch viel missverstandene Wort im Hinblick auf seine Bedeutung für das Spannungsverhältnis von Religion und Politik noch kurz befragen. „Er aber sagte ihnen, so gebt dem Gott, was Gottes ist und dem Kaiser, was des Kaisers ist;“ Mk 12,17 und die entsprechenden Parallelen. Interessanterweise wird hier zunächst überhaupt nicht gesagt, wem was ist. Ausgangspunkt: „Ist es erlaubt, Steuern zu zahlen?“ als Versuchungsfrage. Die Münze wird gereicht, „Wes Bildnis seht ihr? Gebt!“ Das klassische Missverständnis dieser Stelle, ich würde sagen, das im naturrechtlichen Abstraktionsdenken wurzelnde Mißverständnis dieser Stelle ist die Scheidung der Bereiche, so als gäbe es nach diesem Satz einen Bereich, der ist Gottes, und der andere Bereich, der ist dem Cäsar oder dann weitergeführt, als hätte diese Stelle etwas zu tun mit dem Verhältnis von Kirche und Staat nach dem Motto: Jeder ist eigenständig in seinem Bereich, und dann gibt es Überschneidungsgebiete, dafür schließen wir Konkordate. In unmittelbarer Nähe des Satzes vom Zinsgroschen steht nun der Satz vom Hauptgebot; „Du sollst den Herrn, deinen Gott lieben, mit deiner ganzen Seele, mit all deinen Kräften und deinem ganzen Gemüt.“ Für mich ist also ausgedrückt darin die Dreiheit: Du sollst Gott lieben mit deiner Ganzheit, wobei lieben im Neuen Testament nichts mit Gernehaben und Mögen zu tun hat (wichtig für den politischen Bereich, ich liebe meinen Hund, mein Vaterland und meine Briefmarkensammlung, das sind doch sehr verschiedene Elemente; ich habe gar keine Briefmarkensammlung, aber ich liebe meine Frau). Ich soll ja auch meinen Feind lieben, ich soll ihn nicht mögen, „Gerne haben“ kann man nicht befehlen. Lieben heißt, das Heil des anderen wollen, auch wenn er meines nicht will. Dann kann es befohlen werden. Dann kann es zum Gegenstand eines ethischen Anspruchs gemacht werden. Feindesliebe! Nicht: Finde den anderen nett! Das „Nettsein“ ist nicht der Gegenstand des Neuen Testaments, sondern schaffe du sein Heil. Gib Gott deine Ganzheit! 

Das heißt: Gott lieben. Darauf hat er Anspruch. 

Kehren wir zu unserer Zuordnung von Religion und Politik zurück: Gott hat den Anspruch auf Ganzheit des Menschen; kann es dann außerhalb des Ganzheitsanspruchs Gottes überhaupt einen anderen Anspruch geben? Oder wird nicht der Anspruch des Cäsars überhaupt erst dann legitimiert, wenn er Anspruch innerhalb des Ganzheitsanspruches Gottes ist? – Gib Gott deine Ganzheit! – Und innerhalb dieser Ganzheit – gib gelassen dem Cäsar, d.h. auch deine Gabe an den Cäsar. 

Ich spreche hier jetzt den Bereich des Politischen an: Wenn Gott die Ganzheit nicht nur der religiösen Existenz, sondern der menschlichen Existenz schlechthin für sich beanspruchen kann, dann kann der Mensch keine Ganzhingabe leisten außerhalb dieser Ganzhingabe an Gott. Der Christ ist derjenige, der sich dieses Verhältnisses bewusst ist oder zumindest bewusst sein sollte. Ich kann nicht ein ganzes Leben aufgeben für die Politik. Prüfen wir einmal unsere Redeübertreibungen, ob sie noch wahrhaftig sind. Vor allen Dingen das, was wir so auf Friedhöfen äußern. „Er hat Tag und Nacht für den Sport gelebt.“ Abgesehen davon, dass das auch dem Sport nicht bekommt: der Sport, die Politik, ein Mensch hat keinen Anspruch auf die Ganzheit meiner Existenz. Weder meine Frau, noch meine Familie, noch mein Vaterlang noch die Politik, nur Gott hat Anspruch auf Ganzheit. Dann wird das rechte Maß dessen, was ich im irdischen Bereich tatsächlich zu geben habe, von Gott her bemessen. Wenn du etwas gibst, bleibst du damit innerhalb des Anspruches Gottes? Politisch ausgedrückt, wenn du dieses oder jenes tust in dem Bereich des Politischen, ist es gedeckt vom Ganzheitsanspruch Gottes? 

Frage des Christen in der Politik: Es gibt, ich bitte das richtig zu verstehen, keine christliche Politik in dem Sinne, als seien die Inhalte des irdisch Politischen spezifisch christlich. Aber es gibt natürlich das Handeln von Christen im Bereich der irdischen Wirklichkeit, und der Christ hat seinen Sinnhorizont. Dieser Sinnhorizont des Christlichen widerstreitet nicht dem Vernünftigen. 

Die Religion ist nicht etwas, in der Glaube gewissermaßen die materiell inhaltliche Voraussetzung des vernünftig politischen Handelns ist. Wäre dem so, so könnte es Handlungseinheiten sinnvoller Art zwischen Christen und Nichtchristen, zwischen Gläubigen und Nichtgläubigen nicht geben. Nur weil das aus der irreversiblen Vernunft der Dinge dieser Welt Gebotene dem christlichen ja nicht widerstreitet, sind solche Handlungseinheiten in dieser Welt möglich. Als Christ wird er natürlich sein politisches Tun, so er denn existentiell christlich ist, in eine Verbindung zum Anspruch Gottes bringen. Genau diese Verbindung nennen wir Religion. Dann stellen sich einige Fragen, Fragen der Begrenzung von Möglichkeiten innerhalb des Irdischen. Er wird nicht eine schlechthin weltimmanente Erfolgsrationalität zum obersten Kriterium politischen Handelns machen können, sondern wird immer fragen müssen, ob sie sittlich ethisch eingebunden bleibt in den Ganzheitsanspruch Gottes, drastisch ausgedrückt: wenn du Wahlkampf führst, führst du deinen Wahlkampf so, dass er gleichzeitig Gabe an Gott ist? 

Das ist der Punkt. Nicht, führst du ihn so, dass du auf jeden Fall den anderen besiegst. Gibt es für dich Feinde? Wenn ja, dann gehe zu ihnen hin! Du musst den ersten Schritt machen. Nicht derjenige macht den ersten Schritt in der Welt des Neuen Testaments, der im Recht ist: Weil der im Unrecht ist, das wird selbstverständlich vorausgesetzt. Wenn du im Recht bist, was immer nur heißen kann, wenn du glaubst, du wärst im Recht, dann gehe zu dem anderen hin, versöhne dich mit ihm, was nicht wiederum heißt, nimm seine Meinung an, sondern wende dich in aller Schärfe und heftig dem irdisch Kontroversen zu. Aber tue es als jemand, der das Heil des anderen wie sein eigenes Heil will. Hier wirkt sich jene von uns im Glauben gebrauchte Bruderschaft der Menschen aus, die eigentlich ja christologisch verordnet ist, denn er ist euer Bruder. In ihm, heißt es im Epheserbrief, hat Gott die Feindschaft überwunden, die Trennwand niedergerissen, die da einst trennte. 

Zurück zur Zinsgroschenperikope: Gebt Gott eure Ganzheit und niemand anderem. Und wenn ihr gebt, gebt es gelassen innerhalb des Ganzheitsanspruchs Gottes. Ein zweiter Punkt. Weiß sich der Christ aufgefordert, politische Ordnungsgewalten dieser Welt prinzipiell anzuerkennen, so muss er hierbei doch immer auch die notwendige Profanität der politischen Macht und den vorläufigen Charakter ihrer endlichen Ordnung im Blick behalten. Niemals darf er sich, und das ist nun das Gebot der Relativität des Irdischen, sich Dingen verschreiben, indem er in ihnen ganz aufgeht oder, jetzt anders ausgedrückt, der Faszination der politischen Macht unterliegt. Vielmehr muss er sich dessen bewusst bleiben, dass die Zukunft Gottes nicht in der irdischen Polis liegt, kurzum, dass unser Heil etwas ist, das oberhalb des Politischen ist. Bei Philipper 3,20 heißt es: „Unsere Heimat ist im Himmel.“ Vom Heimatrecht  erwarten wir das Heil, d.h. den Retter. Es gibt im Bereiche der Politik keinen endgültigen Retter, weil es in ihm kein existentielles Heil für den Christen gibt. Politeuma, der Ausdruck, der hier in Philipper 3,20 gebraucht wird, bezeichnet an sich die Heimat im eigentlichen Sinne, kommt wohl aus der Seefahrersprache, dass also derjenige, der als Seefahrer in Cicilien oder Kleinasien saß und aus Athen stammte, wenn man den also gefragt hat, wo stammst du eigentlich her, wo ist deine Heimat, wo bist du zu Hause, wo hast du dein völlig originäres Bürgerrecht? Dann konnte der sagen, meine Politeuma, die ist jetzt in Athen. Und es ist interessant, dass uns dieser Begriff hier begegnet. Es ist das eigentliche Heimat-recht, das eigentliche Zuhausesein. „Richtet euch hier ein,“ sagt die Stelle, „aber erwartet nicht das Heil,“ hier seid ihr nicht eigentlich zu Hause. Kann einer jetzt nun sagen, die Stelle passt mir nicht, sie steht im Neuen Testament. Sie sagt etwas über das Verhältnis von Religion und Politik aus, nämlich wo Heil ist. Gerade dieser Hinweis, Phil. 3,20 , auf die genuin eschatologische, heilgeschichtliche Dimension christlicher Existenz, macht uns ja auch in historischer Sicht die Problematik einer geschichtlichen Entwicklung im Abendland deutlich, in deren Verlauf die Kirche nicht nur verschiedene Formen der Staatsautoritäten nachgeahmt hat, sondern selber zum Teil zur Trägerin staatlicher Gewalt wurde, und nicht mehr nur als Gemeinschaft der Gläubigen innerhalb eines Staatsverbandes existierte. Der Kirche als dem endzeitlichen Gottesvolk kommt es nicht zu, ein Mandat über innerweltliche Ordnung zu beanspruchen, sich mit der politischen Potestas vollständig oder teilweise zu identifizieren. Sie ist die Größe des Gegenüber, die endzeitlich ausgerichtete Größe des Gegenüber. 

Und drittens, als Schlusspunkt, wenn Sie das noch gestatten. Die Kirche und der einzelne Christ nehmen im Bereiche dieser Welt ihr christliches Proprium wahr. Wenn so viel vom Weltauftrag der Christen und der Kirche die Rede ist, dann muss dieser Weltauftrag der Christen und der Kirche doch offenbar etwas zu tun haben mit dem, was im Zentrum des Neuen Testaments steht, nämlich der in Jesus Christus angebrochenen Gottesherrschaft und in ihr, der einst vollendeten Heimat. Die eigentliche Gefahr der Kirche, die sie auch dann für ihren Dienst im Bereiche des Politischen schwächen wird, ist die Verwischung ihres Propriums. Ich wage die These: Je stärker die Kirche wieder eine Kirche der Verkündigung des Heils, des Kultes, des Gebetes, kurzum je spiritueller sie wieder wird, desto stärker wird sie in ihrem Weltdienst sein. 

Die heute viel beklagte Schwäche der Kirche in dieser Welt, die hängt ja nicht etwa mit fehlendem, innerweltlichem Sozialengagement zusammen, sondern eine geistliche Größe, die sich auf den Bereich des innerweltlich Sozialen, aus noch so guten Gründen – ich werte das ja nicht ab – reduziert und ihn als ihr eigentliches Proprium nimmt, wird austauschbar mit anderen Gruppen, die weltlich immanent gleiche Ziele verfolgen. Wenn es die primäre und propriumbildende Aufgabe der Kirche ist, Sozialdienste innerweltlicher Art, die ich nicht abwerte, zu leisten, dann würde ich tatsächlich angemessene, rationale Zusammenwirkungsformen, selbst unter Preisgabe der Existenz von Kirche, empfehlen. Das kann man doch vielleicht ganz vernünftig anders organisieren. Nun sagt das Neue Testament etwas darüber aus, was das Proprium ist. „Ich habe euch zuerst überliefert, was auch mir überliefert worden ist.“ Das zuerst in 1 Kor. 15,3. Was Paulus hier gebraucht, meint er nicht im Sinne einer Reihung, sondern im Sinne des Wichtigsten. Und dann kommt der berühmte Satz von der Auferstehung Jesu: „Dass der, der gestorben ist für uns, auferstanden ist.“ Diese Aussage bildet das Proprium. 

Dieses Proprium bestätigt sich: „Darum verkünden wir den Tod des Herrn, bis dass er wiederkommt.“ Reduzieren wir dieses Proprium, schieben Sie es an die Seite, stellen Sie es gar nicht mehr auf den Glauben daran an, dann ist es eigentlich wenig sinnvoll, von hierher noch sich Gedanken über den sogenannten Weltdienst zu machen. Ich verkenne nicht die Bedeutung des aktiven Welthandelns von Christen, aber Christen müssen wissen, dass der Sinnhorizont, aus dem das wahrgenommen wird, der Sinnhorizont eines existentiellen Glaubens sein sollte. Und das ist interessant. Die Tugenden, die guten Werke, werden bei Paulus bezeichnet als Früchte des Glaubens, so wie die bösen Tagen des Menschen als Früchte des Unglaubens erscheinen. Offenbar gibt es hier also einen inneren Zusammenhang, auf den wir hier nicht eingehen. Auch wenn wir jetzt die ethische Seite ausklammern und gewissermaßen nur ein vorläufiges, neutestamentliches Summarium ziehen, so ergibt sich doch, dass der Bereich des Politischen gegenüber dem Bereich des Religiösen als dem existentiell ganzzeitlichen Bereich nicht isoliert ist. Zwar markieren Religion und Politik, so sagten wir anfangs, zwei in sich selbstständige Wirklichkeitsbereiche. Aber diese Selbstständigkeit der Wirklichkeitsbereiche isoliert sie nicht im Sinne des unabhängig voneinander Vollziehbaren, sondern der in ihnen tätige, lebende, handelnde Christ bleibt eingebunden in zwei Zielpunkte: nämlich den Anspruch Gottes und den des zu erwartenden Heils. 

Diese Zielpunkte verwirklicht er allerdings nicht nur in seiner jeweils einzelnen individuellen Existenz, sondern als Wesen des Du im Rahmen einer Gemeinschaft. Auch die Kirche als religiöse Gemeinschaft ist also nicht isoliert von den politischen Gemeinschaften. Die Lehre vom Sauerteig sagt letztendlich genau dieses, dass hier gewirkt wird innerhalb der Strukturen dieser Welt, die damit schon ausgerichtet werden auf ihr Ende, nicht auf ihre Endgültigkeit, sondern auf ihr Funktionieren um der Menschen willen in dieser Zeit. Die eigentliche Bewusstseinslage im Bereiche des Politischen und in seinem Verhältnis zum Religiösen ist das Bewusstsein des Christen, dass das Ende der Geschichte in Christus eröffnet ist. Karl Barth hat mit Recht die Zeit dieser Welt bei allem, was in ihr noch passieren kann, im Grunde genommen als den Prolog der Heilszeit, wir könnten aber auch sagen, als das Auslaufen der Geschichte bezeichnet. Im österlichen Ereignis eröffnet sich die Endgültigkeit einer seienden, wie Rahner meint, Heilszeit, und das, was wir Geschichte nennen, verliert deshalb nicht an Bedeutung, aber es verliert an Radikalität. Dieses Bewusstsein, dass die Dinge dieser Welt nicht endgültig sind, sondern vorläufig, ist der eigentliche Grund christlicher Souveränität.